Hirnleistungstraining in der Ergotherapie

Der Begriff Hirnleistungstraining in Abgrenzung zu anderen Begriffen

Zu dem Begriff des „Hirnleistungstrainings“ gibt es viele verwandte Begriffe im deutschsprachigen Raum, welche nahezu alle das Gleiche beschreiben und beinhalten. So findet sich unter anderem das Synonym cerebrales Training vor allem im ärztlichen Fachjargon wieder. Die Berufsgruppe der Psychologen hingegen spricht überwiegend von „kognitivem Training“, während die Ergotherapeuten den deutschen Begriff „Hirnleistungstraining“ bevorzugen. Letzten Endes gibt es keine eindeutige Abgrenzung der Begrifflichkeiten untereinander bzw. beschreiben diese dieselben neuroanatomischen Fähigkeiten und Fertigkeiten. Die Ergotherapeuten bevorzugen den deutschen Begriff unter anderem aus Verständlichkeit, da er ohne Fachsprache bereits den Inhalt des Trainings beschreibt und sich auch Laien etwas darunter vorstellen können.

Hirnleistungstraining in der Ergotherapie Innerhalb der Gesellschaft sowie der Unterhaltungsindustrie und des Büchermarktes finden sich zudem noch andere Begrifflichkeiten, die zumindest in Ihrer Absicht oder in Ihrer Werbestrategie ähnliches versprechen und verfolgen. Die Begriffe „Gehirntraining“, „Braingym“ oder auch das Wort „Gedächtnistraining“ findet man vermehrt in Anzeigen und auf Werbeplakaten. Was hierbei jedoch angeboten wird ist meist ein Sammelsurium aus beliebig zusammen gestellten Aufgaben, nicht personenzentriert angelegt sondern allgemein gehalten und daher nur in dem Sinne ein „Gehirntraining“, als das wir auch unser Gehirn benötigen diese Aufgaben zu lösen, so wie bei allen anderen Aufgaben des täglichen Lebens auch. Ein speziell auf die Bedürfnisse abgestimmtes Training findet hier nicht statt. Hier gilt zu es also zu unterscheiden von ärztlich bestätigtem und verschriebenem Hirnleistungstraining das nur nach Diagnosestellung durch einen Arzt von geschultem Fachpersonal durchgeführt werden darf und dem „Gehirntraining“ in der Sachbuchliteratur oder in der Unterhaltungsindustrie.

Das eine ist medizinisch notwendig um die bestmöglichste Versorgung und Therapie zu gewährleisten und wird kurativ bzw. rehabilitativ eingesetzt. Selten gibt es auch präventive medizinische Kurse zum kognitiven Training.

Bei den allgemeinen und ohne ärztliche Begleitung zugänglichen „Trainings“, ist lediglich ein Grundinteresse an dem Thema vorhanden oder durch die Werbung geweckt worden.

Hirnleistungstraining in der Ergotherapie

Hirnleistungstraining welches in der Ergotherapie angeboten wird, gehört zu den vom Arzt zu verordnenden Heilmitteln und wird deshalb nach Diagnosestellung vom Therapeuten über die Krankenkasse abgerechnet.

Bei einigen Diagnosen hat sich das Hirnleistungstraining dabei sogar den Status des vorrangigen Heilmittels erworben. Dies bedeutet laut Heilmittelkatalog der Ärzte, Krankenkassen und Therapeuten, es soll noch vor anderen ergotherapeutischen Maßnahmen, beispielsweise der motorisch – funktionellen oder der sensomotorisch perzeptiven Behandlung, zum Einsatz kommen.

Diagnosen bei denen das Hirnleistungstraining als vorrangiges Heilmittel laut Heilmittelkatalog empfohlen wird sind: (lt. Heilmittelkatalog, 2011)

Diagnosegruppe Diagnose
EN 1 – ZNS – Erkrankungen oder Entwicklungsstörungen (bis zu 60 Einheiten mgl.) z.B. bei Schädelhirntrauma, Meningoencephalitis, zerebrale Blutung, zerebraler Tumor, Cerebralparese, etc.
EN 2 – ZNS Erkrankungen nach dem vollendeten 18. Lebensjahr (bis zu 40 Einheiten mgl.) z.B. Multiple Sklerose, Apoplex, Morbus Parkinson, etc.
PS 1 – Entwicklungsstörungen und Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in Kindheit und Jugend (bis zu 40 Einheiten mgl.) z.B. frühkindlicher Autismus, Störung des Sozialverhaltens, Essstörung, depressive Störungen, Angsstörungen, etc.
PS 4 – Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen (bis zu 40 Einheiten mgl.) z.B. Abhängigkeitssysndrom
PS 5 – Dementielle Syndrome (bis zu 40 Einheiten mgl.) z.B. Morbus Alzheimer insbesondere in den leichteren Stadien (CDR 0,5 – 1)

Diagnosen bei denen das Hirnleistungstraining als optionales Heilmittel laut Heilmittelkatalog empfohlen wird sind: (lt. Heilmittelkatalog, 2011)

Diagnosegruppe Diagnose
PS 3 – Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen und affektiven Störungen (bis zu 40 Einheiten mgl.) z.B. postschizophrene Depression, depressive Episode

Die drei Kernbereiche des Hirnleistungstrainings

Das Hirnleistungstraining in der Ergotherapie (cerebrales Training, kognitives Training) hat immer einen ganzheitlichen und individuellen Trainingsanspruch an unser Denkorgan. Dabei soll immer das gesamte Gehirn trainiert und gefördert werden.
Dies beinhaltet zum einen, dass sowohl die Reizaufnahme und die Reizantwort, als auch die Verarbeitungsprozesse im Gehirn beübt und trainiert werden sollen.

Was letzten Endes zu den einzelnen Gehirnfunktionen gezählt wird, ist ebenso wie in der Begrifflichkeit des Trainings von Definition zu Definition recht unterschiedlich. Sicherlich zählen einzelne Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Informationsverarbeitung- bzw. Arbeitsgeschwindigkeit zu den grundlegenden Basisfähigkeiten unseres Gehirns. Jedoch lässt sich auch jeder Basisbereich noch in einzelne Unterfunktionen aufgliedern.

Hirn-Leistungs-Training, ProblemlösungTrainiert werden sollen beispielsweise im Bereich der Aufmerksamkeitsleistung gleich mehrere verschiedene Ebenen. Neue neuropsychologische Modelle gehen derzeit von mindestens 4 verschiedenen Aufmerksamkeitsebenen aus. So gehören nach einem Modell von Sturm 2005 unter anderem die Daueraufmerksamkeit (=Ausdauer), die fokussierte Aufmerksamkeit (=Konzentration), die geteilte Aufmerksamkeit (=Multitasking) und die Vigilanz (=allgemeine Wachheit) zu den verschiedenen Aufmerksamkeitskomponenten. (Jacobs & Petermann, 2008). Ein gutes Hirnleistungstraining sollte abwechselnd und im Schwierigkeitsgrad varrierend alle Aufmerksamkeitsebenen trainieren.

Darüber hinaus werden eine Reihe von höheren Denk- und Gedächtnisfunktionen in unterschiedlicher Ausprägung trainiert und gefördert. Die Art und Weise welche höheren kognitiven Funktionen genau trainiert werden sollten, muss dabei den speziellen Bedürfnissen des Betroffenen angepasst sein und wird zu Beginn der Therapie vom Therapeuten während der Anamnese und der Zielfindung mit dem Patienten festgelegt.

Zu den höheren Denk- und Gedächtnisfunktionen zählen unter anderem beispielsweise das Abstraktionsvermögen, also das abstrahieren (herausfiltern) von wichtigen Informationen aus Unwichtigem um damit zu einem vereinfachten oder wesentlichem Punkt zu kommen. Aber auch das Beurteilen und Entscheiden bei Sachverhalten zählt dazu, die Bildung von Kategorien, das Kombinieren von Inhalten, das logische Denken sowie das Schlussfolgern aus Zusammenhängen, das Problemlösen und die Reproduktion bzw. die kurzen und langen Bereiche der Merkfähigkeit.

Des Weiteren sind bei einem Hirnleistungstraining mit einer Person auch immer sprachliche Prozesse beteiligt. In der Regel geschieht das Training sprachlich und/oder aufgabengestützt. Damit sind sowohl die motorischen Sprachprozesse (Broca Areal auf der Großhirnrinde) und die sensorischen Sprachprozesse (Wernicke Areal) involviert. Sowohl die motorische Sprachproduktion, also die aktive Sprache, dazu zählen die Wortfindung, die Wortflüssigkeit und die Formulierung, werden trainiert, als auch die Sprachproduktion, welches die Begriffserinnerung- und Begriffsdeutung und das zusammenhängende Wort- und Satzverständnis beinhaltet, sowie die grammatikalischen Zusammenhänge einschließt. (Ladner-Merz, 2011)

Gewisse sprachliche Förderanteile fallen zum Teil bei einer PC – gestützten therapeutischen Intervention weg.

Wissenschaftlich vielversprechende Effekte beim Hirnleistungstraining sind durch verschiedene Studien zudem zu erwarten, wenn es alltagsnah und betätigungsorientiert auf den Klienten zugeschnitten ist. Es sollen also nicht einzelne abstrakte Hirnfunktionen trainiert werden, sondern ein für die Person sinnvolles und lebensweltnahes Training darstellen.

Wirkprozess des Hirnleistungstrainings

Neuroanatomische Grundlage jedes Lernprozesses im Bereich des Hirnleistungstrainings ist dabei die von Nobelpreisträger Eric Kandel im Jahr 2000 beschriebene Neuroplastizität des Gehirns. In einfachen Worten gesagt beschreibt die Neuroplastizität, wie das Lernen auf neuronaler Ebene (Nervenzellebene) geschieht und welche dauerhaften Veränderungen durch Lernprozesse im Bereich der Großhirnrinde passieren. Bei regelmäßiger Reizgebung durch ein Training oder werden also auf neuronaler Ebene plastische Umbauten im Bereich des Cortex (=Großhirnrinde) erreicht, die auch nach Beendigung des Trainings von dauerhaftem Bestand sind. Die Struktur des Gehirns, die Datenautobahnen und die Vernetzung der Nervenzellen untereinander, kann sich also verändern. Was man bei der kindlichen Entwicklung des Gehirns schon lange wusste, wurde mittlerweile bis in das 80.te Lebensjahr hinein nachgewiesen. Der Mensch kann sein Denken also bis ins hohe Alter hinein maßgeblich und willentlich verändern und verbessern.

Zusammenfassung

Eine ganze Vielzahl von Begrifflichkeiten beschreibt das Training der einzelnen Funktionen des Gehirns. Hirnleistungstraining ist dabei mit dem kognitiven und cerebralen Training gleichzusetzen. Zu unterscheiden sind dabei medizinisch indizierte und veranlasste Therapien nach Diagnosestellung jedoch klar von den unspezifischen Trainingsprogrammen der Unterhaltungsindustrie.

Hirnleistungstraining in der Ergotherapie gilt als ein vorrangig einzusetzendes Heilmittel bei einer ganzen Reihe von Diagnosegruppen laut Heilmittelkatalog und kann darüber hinaus auch optional eingesetzt werden. Innerhalb des Trainings gibt es 3 Kernbereiche die in der medizinisch therapeutischen Praxis beachtet werden. Zum einen werden die Basisfunktionen wie Aufmerksamkeit, Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit und Gedächtnis trainiert. Darauf bauen die höheren kognitiven Funktionen wie Abstraktionsvermögen oder logisches Denken auf. Durch die meist sprachliche Durchführung mit Wörtern und Texten werden zudem die sprachlichen Gehirnareale mit beansprucht.

Die wissenschaftliche Grundlage für die Art des Trainings ist die Neuroplastizität, also die Möglichkeiten des Gehirns sich auf neuronaler Ebene umzubauen und neu zu justieren.

Die größten wissenschaftliche Erfolge versprechen Trainings die personenzentriert, alltagsorientiert und betätigungsorientiert vorgehen.

Literatur

  • Brauer, Müller, Michelfelder (1995): Leitfaden Gedächtnistraining – Medizinische, Pädagogische und Psychologische Aspkete, Memo Verlag
  • Jacobs, Petermann (2008): Attentioner – Training für Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen, Hogrefe Verlag
  • Ladner Merz (2011): Memo Akademie, Ausbildung zum Fachtherapeuten für kognitives Training
  • Sozialgesetzbuch (2011): SGB V, § 92, Heilmittelkatalog 2011

Weiterführende Informationen



Autor
Norbert Lichtenauer
Norbert Lichtenauer
Ergotherapeut seit 2006, Bachelor - Studium 2008, Fortbildungen im neuropsychologischen Bereich, 2011 Abschluss der Weiterbildung zum Fachtherapeuten für kognitives Training, Veröffentlichungen in Fachzeitschriften 2010 - 2012, Vorträge auf dem Ergotherapeuten Kongress 2010 und 2011

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