Die Visuelle Wahrnehmungsstörung

Visuelle WahrnehmungsstörungEine der häufigsten ärztlichen Heilmittelverordnungen bei Kindern in der Ergotherapie stellen Wahrnehmungsprobleme bzw. Wahrnehmungsstörungen dar. Wahrnehmungsstörungen können dabei in allen Sinnesmodalitäten auftreten.

Insgesamt werden in der Literatur sieben verschiedene Wahrnehmungsmodalitäten unterschieden (in Anlehnung an Leschnik, 2010):

  1. Visuelles System (sehen)
  2. Auditives System (hören)
  3. taktiles System ( Berühren, Schmerz, Temperatur)
  4. gustatorisches System (schmecken)
  5. olfaktorisches System (riechen)
  6. vestibuläres System (Gleichgewicht)
  7. propriozeptives System (Muskel- und Sehnenspindeln)

Dieser Artikel widmet sich dem Begriff der visuellen Wahrnehmungsstörung. Neben der Definition der visuellen Wahrnehmung und der ärztlich zu erfolgenden diagnostischen Abklärung werden vor allem auch die einzelnen Teilbereiche der visuellen Wahrnehmungsverarbeitung nach dem Konzept von Marianne Frostig genauer beschrieben.

Marianne Frostig als Wegbereiterin

Marianne Frostig (geb. 1906 in Wien) gründete nach einer Ausbildung zur Sozialarbeiterin, Rhythmik- und Gymnastiklehrerin und anschließendem Pädagogik- und Psychologiestudium 1947 in Los Angeles, Kalifornien das „Mariane Frostig Center of Educational Therapy“. Gemeinsam mit Ihren Mitarbeitern erforschte sie dabei den Wahrnehmungsbegriff und insbesondere die Wahrnehmung. Der viel verwendete Entwicklungstest zur Überprüfung der visuellen Wahrnehmungsfertigkeiten FEW – 2 basiert unter anderem auf Ihren Forschungsergebnissen. (Frostig Entwicklungstest der visuellen – Version 2, nachzulesen unter www.frostig-gesellschaft.de)

Der Wahrnehmungsbegriff

Gerade beim Begriff der Wahrnehmung findet sich in der Literatur eine Vielzahl von verschiedenen Begriffsdefinitionen. Die hier wiedergegebenen Definitionen sind praxisnah orientiert, mit der sowohl Laien als auch Fachleute arbeiten können.

Definition der Wahrnehmung: Unter dem Begriff Wahrnehmung versteht man ganz allgemein den Vorgang der subjektiven (individuellen, persönlichen) Sinneswahrnehmung von Umwelt- und Körperreizen, deren neuronalen Weiterleitung ins Gehirn, sowie die Reizverarbeitung im Gehirn.

Definition der visuellen Wahrnehmung: Visuelle Wahrnehmung kann verstanden werden als die Fähigkeit, optische Reize im Gehirn aufzunehmen, zu unterscheiden, einzuordnen, zu interpretieren und mit früheren Erfahrungen zu verbinden und entsprechend darauf zu reagieren. (Barth 2006)

Das gesamte visuelle System liefert dabei verschiedene Informationen über Form, Umriss, Tiefe, Größe, Durchlässigkeit, Lage und Abstand von Gegenständen und Umweltmerkmalen. Diese werden in Beziehung zueinander und in Bezug zum Betrachter gesetzt. (Nacke, 2005)

Die einzelnen Funktionen der visuellen Wahrnehmung

Aus der Literatur zusammengefasst hat die visuelle Wahrnehmung verschiedene Grundfunktionen die nachfolgend aufgelistet sind.

  • Erkennen und Differenzieren von Größe und Form
  • Figur-Grund-Wahrnehmung
  • Formkonstanz
  • Wahrnehmung der Lage im Raum
  • Wahrnehmung räumlicher Beziehungen
  • Visuelle Mengenerfassung
  • Farberkennung und –zuordnung
  • Helligkeit (Augenfunktion)
  • Sehschärfe (Augenfunktion)

Visuelle Wahrnehmung, SehtestZu den Eigenschaften der Farberkennung, der Helligkeit und der Sehschärfe ist ein anatomisch korrektes Auge notwendig. Zur Abklärung etwaiger Schwierigkeiten ist daher bei Problemen in der visuellen Wahrnehmung auch immer an physiologische Probleme zu denken und ein Besuch beim Augenarzt bzw. Optiker vorrangig.

Ein Teilbereich der visuellen Wahrnehmung ist nach erfolgter Reizaufnahme und Weiterleitung die visuelle Wahrnehmungsverarbeitung. Die Verarbeitung erfolgt dabei im Cortex (Großhirn) und dort vor allem im Hinterhauptslappen mit einer Beteiligung von verschiedenen mnestischen (gedächtnisnahen), emotionalen und aufmerksamkeitsstützenden Zentren.

Die Wahrnehmungsverarbeitung beinhaltet die Fähigkeit, visuelle Reize als Muster zu erkennen, zu unterscheiden, sie mit früheren Erfahrungen zu verbinden und zu interpretieren, damit eine adäquate Reizantwort erfolgen kann.

Die einzelnen Bereiche der visuellen Wahrnehmung

In Anlehnung an das von Marianne Frostig in den USA entwickelte Konzept zur Unterteilung der visuellen Wahrnehmung werden diese nun nachfolgend kurz beschrieben.

Auge-Hand-Koordination: Die Auge – Hand Koordination ist die Fähigkeit, Bewegungen des Körpers oder Bewegungen von Körperteilen (z.B. Hand) mit dem Sehen zu koordinieren. Wenn ein Sehender nach etwas greift, werden seine Hände durch seinen Sehsinn geleitet. Die komplikationslose Durchführung beinahe jeder Handlungsfolge hängt von einer ungestörten Koordination von Augen und Motorik ab. (Lichtenauer et al., 2011)

Figur–Grund–Wahrnehmung: Die Figur–Grund–Wahrnehmung ist die Fähigkeit, versteckte und sich überkreuzende Figuren zu erkennen und misst dabei eine Unterscheidungsfähigkeit auf hohem kognitiven Niveau. Das Kind lernt durch Übungen in diesem Bereich, sich auf wichtige Reize zu konzentrieren, durch Unterscheiden von Details diese als Figur zu sehen und sie von Ihrem Hintergrund abzuheben. Unwichtige Details müssen dabei ausgeblendet werden. (Lichtenauer et al., 2011)

Formkonstanz: Aufgrund der Formkonstanz sind wir im Stande, bestimmte Eigenschaften eines Gegenstandes unter verschiedenen Blickwinkeln trotz unterschiedlichen Sinneseindrucks im Auge verändert wahrzunehmen. Unabhängig von gewissen Merkmalen (Größe, Position, Struktur, Farben, Schattierungen) kann die ursprüngliche Form wiedererkannt werden. (Lichtenauer et al., 2011)

Wahrnehmung der Lage im Raum: Im Laufe seiner Entwicklung erwirbt das Kind die Erkenntnis, dass es selbst (räumlich gesehen) der Mittelpunkt seiner eigenen Welt ist. Es nimmt Gegenstände als hinter, vor, über, unter, neben sich wahr. Die Wahrnehmung der Raumlage ist also die Beziehung eines Gegenstandes zum Betrachter oder auch die Beziehung von zwei oder mehreren Gegenständen zueinander. (Lichtenauer et al., 2011)

Abzeichnen: Das Abzeichnen einer Figur ist mit die gebräuchlichste Methode zur Testung der visuellen Wahrnehmungsfertigkeiten. Dabei können Informationen über die allgemeine Reife, Hirnfunktionsstörungen und feinmotorische Fähigkeiten gewonnen werden. Ebenso ist die visuelle Repräsentation von Objekten und deren Umsetzung ersichtlich. (frei nach Büttner et al, 2008)

Visuo – motorische Geschwindigkeit: Das Zusammenspiel von visuellen und motorischen Fertigkeiten ist eine wichtige Voraussetzung für die Entscheidungsfähigkeit und die Reaktionszeit bei der Lösung von Problemstellungen unterschiedlichster Art. (z.B. anziehen, schreiben) (Lichtenauer et al., 2011)

Wahrnehmung räumlicher Beziehungen: Die Wahrnehmung räumlicher Beziehungen ist die Fähigkeit Muster und sich wiederholende Strukturen zu erkennen und in Bezug zu sich selbst oder anderen Objekten einzuordnen. (Lichtenauer et al., 2011)

Die visuelle Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörung (VVWS)

Die Abklärung ob eine visuelle Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung gegeben ist, erfordert eine Diagnosestellung durch einen Facharzt.

Wie weiter oben bereits erwähnt, zählt zum Begriff der Wahrnehmung nicht nur die Reizaufnahme durch die Augen, sondern auch die Verarbeitung dieser Reize im Gehirn. Ist das Auge in Takt, so kann im eigentlichen Sinne nicht von einer Wahrnehmungsstörung gesprochen werden da der Patient ja „normal“ sieht. Vielmehr handelt es sich um eine Reizverarbeitungsstörung im Gehirn. Im Nachfolgenden wird deshalb auch der Begriff der Visuellen Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (VVWS) gebraucht.

Um eine VVWS zu diagnostizieren stehen eine ganze Reihe von verschiedenen Testverfahren zur Verfügung. Diese Liste verfolgt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. Auch kann hier nicht näher auf einzelne Testverfahren und ihre Vor- und Nachteile eingegangen werden:

Zur Überprüfung der visuellen Wahrnehmungsfertigkeiten eignen sich unter anderem:

  • Frostig Entwicklungstest der visuellen Wahrnehmung (FEW – 2)
  • Sensorischer Integrations- und Praxietest (SIPT)
  • Prüfung optischer Differenzierungsleistungen (POD)
  • Göttinger Formreproduktionstest
  • Abzeichentest für Kinder (ATK)
  • Zeichnerischer Reproduktionsversuch (ZRV nach Kugler)
  • Marburger Formlegetest (FLT)

Von der Vorahnung zur Diagnosestellung:

Um eine visuelle Wahrnehmungsstörung als Diagnose zu stellen, ist ein Besuch bei einem Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin zu empfehlen. Der Facharzt erstellt die Befunde mit Hilfe einer eigenen Testung und grenzt die visuelle Wahrnehmungsstörung von einer allgemeinen Entwicklungsstörung ab.

Voraussetzung zur Diagnoseerfüllung sind dabei eine normale Intelligenz und ein normales Sehvermögen. Jedoch kann eine VVWS auch begleitend als Funktionsstörung bei Erkrankungen oder globalen Entwicklungsstörung auftreten.

Oftmals fallen Schwierigkeiten in der visuellen Wahrnehmung erst im Kindergarten oder der Grundschule auf. Auch Erzieher und Lehrer geben in Gesprächen zum Teil Hinweise auf Schwierigkeiten von Kindern.

Häufigkeit der VVWS
Laut Diagnoseliste der Kinder- und Jugendärzte belegen die visuomotorischen / feinmotorischen Störungen den 28. Platz in der Häufigkeit mit einem Anteil von 3,9% aller in einer kinderärztlichen Praxis vorgestellten Kinder. Des Weiteren sind Wahrnehmungsstörungen unter die motorischen Störungen auf Platz 30 eingruppiert mit einem Anteil von 3,5%. (Gesundheitsberichtserstattung des Bundes, 2010)

Für die Praxis bedeutet das, das ca. 3,5 – 3,9 % aller in Deutschland lebenden Kinder im Verlaufe der Entwicklung Probleme haben mit der Entwicklung von motorischen oder wahrnehmungsgebundenen Anforderungen. Dies würde pro Jahrgang in Deutschland bei der derzeitigen Geburtenlage von ca. 670.000 Kindern pro Jahr eine neue Therapiebedürftigkeit bei ca. 23500 – 26500 Kindern pro Jahr bedeuten. (Bundesamt für Statistik, 2010)

Die Relevanz visueller Wahrnehmungsleistungen in Schule und Alltag

Viele Wissenschaftler sind sich einig, dass die visuelle Wahrnehmung einer der wichtigsten Sinne des Menschen ist, wenn nicht gar der wichtigste. Von den einströmenden und zu verarbeitenden Reizen im Gehirn geht man derzeit von einer Beteiligung von mind. 60% an visuellen Eindrücken aus. (Zimmer et al, 2005)

Wir denken und träumen visuell und machen uns von der Welt „ein Bild im Kopf.“

Das visuelle System in Alltag und Schule

So werden beispielsweise beim Ergreifen von Gegenständen eine Verkettung mehrerer Wahrnehmungskanäle und kognitiver Handlungsstrategien angesprochen. Weiter wird bei alltäglichen, kindlichen Handlungen wie beispielsweise Ballspielen, anziehen oder essen eine Integration der verschiedenen visuellen Wahrnehmungstypen gefordert.

Aber auch für die schulischen Anforderungen sind gut ausgebildete visuelle Fertigkeiten ein Garant für den Erfolg. So müssen in Mathematik Raum – Lage Verhältnisse gekannt werden, geometrische Formen benannt und wiedererkannt werden. Das visuelle System ist wichtig bei Längenvergleichen, visueller Mengenerfassung (Würfel), Seriationsaufgaben (Ordnen nach Größe, Dicke, Gewicht, usw.), Mengenvergleichen (mehr, weniger, gleich) und vieles mehr.

Ebenso ist beim Erlernen des Lesens und Schreibens das visuelle System unabdingbar. Die Tatsache das viele Buchstaben unseres lateinischen Alphabets recht ähnlich aussehen und sich nur marginal im Schriftbild unterscheiden („m“ und „n“) oder durch eine Veränderung der Lage im Raum gekennzeichnet sind („b“ und „d“), lässt den Rückschluss zu, dass neben der Fähigkeit eines genauen visuellen Differenzierens auch Fertigkeiten zur Erkennung der Lage im Raum eine wesentliche Rolle beim Erlernen des Lesens und Schreibens spielen.

Natürlich wird gerade das visuelle System auch als Steuerungs- und Kontrollorgan bei motorischen Aufgaben benötigt. Nicht nur viele kognitive Prozesse beruhen auf einem intakten visuellen System. Gerade auch sportliche Betätigungen und Hobbys schulen, trainieren und entwickeln das visuelle System bzw. benötigt man gewisse visuelle Grundfertigkeiten um diese Aktivitäten auch auszuüben.

Kinder die in der Bewältigung alltäglicher und schulischer Aufgaben dauerhafte Schwierigkeiten zeigen, sollten in Bezug zur visuellen Wahrnehmung von einem Experten abgeklärt werden.

Die Therapie der visuellen Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (VVWS)

Es gibt eine große Menge an therapeutischen und pädagogischen, visuellen Fördermöglichkeiten. Wird eine VVWS vom Facharzt diagnostiziert, steht gemeinsam mit dem Therapeuten im Anfangsgespräch die Alltagsproblematik des Patienten im Vordergrund. Nach einer genauen Analyse der visuellen Schwierigkeiten und nach eingehender therapeutischer Befundung, wird dem Patienten ein individuelles Therapie – und Förderprogramm angeboten, welches im Idealfall sowohl einzelne Funktionen trainiert und fördert und diese in den Alltag des Patienten überträgt.

Literatur, Quellen:

  • Barth (2006): Lernschwächen früh erkennen im Vorschul- und Grundschulalter, 5. Auflage Reinhard – Verlag München – Basel 2006
  • Bundesamt für Statistik (2010): Statistisches Jahrbuch 2007 unter www.destatis.de
  • Büttner G., Dacheneder W., Schneider W., Weyer K. (2008): FEW – 2 Frostig Entwicklungstest der visuellen Wahrnehmung 2 – Manual, Hogrefe Verlag, Göttingen
  • Gesundheitsberichterstattung des Bundes (2008 und 2010): Indikator 3.21 des Indikatorengesetzes der GBE der Länder: Häufigste Diagnosen in Praxen von Kinderärztinnen und –ärzten nach Geschlecht, Rang und Anteil, Nordrhein in: http://www.gbe-bund.de
  • Leschnik, A. (2010): Trainingsprogramm für Kinder mit visuellen Wahrnehmungsstörungen, Verlag Modernes Lernen
  • Lichtenauer et al. (2011): Fördern – Heilen – Stärken, Kinder und Jugendmedizin in der Inn – Salzach – Region, Kapitel 21. Ergotherapie – Eine Information für Patienten und Ihre Eltern, Gebr. Geiselberger GmbH Druck & Verlag, Altötting
  • Nacke A. (2005): Ergotherapie bei Kindern mit Wahrnehmungsstörungen, Georg Thieme Verlag, Stuttgart
  • Zimmer, R. (2005): Handbuch der Sinneswahrnehmung. Grundlagen einer ganzheitlichen Bildung und Erziehung. 13. Gesamtauflage. Freiburg im Breisgau: Verlag Herder, 2005

Weiterführende Informationen



Autor
Norbert Lichtenauer
Norbert Lichtenauer
Ergotherapeut seit 2006, Bachelor - Studium 2008, Fortbildungen im neuropsychologischen Bereich, 2011 Abschluss der Weiterbildung zum Fachtherapeuten für kognitives Training, Veröffentlichungen in Fachzeitschriften 2010 - 2012, Vorträge auf dem Ergotherapeuten Kongress 2010 und 2011

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