Die Heilmittelkosten der Ergotherapie im Gesundheitssystem in Deutschland

„Nach der Reform ist vor der Reform“ – für keinen Bereich im deutschen Sozialsystem gilt dieser Satz wohl zutreffender als für das Gesundheitssystem in der Bundesrepublik. Nahezu kein Wirtschaftsbereich in Deutschland ist von so vielen unterschiedlichen Interessensvertretungen und Lobbyisten geprägt. Stets gehört dabei zu den Wahlversprechen einer Regierung, dass die Ausgaben im Gesundheitssystem konstant gehalten werden sollen, bei einer gleichzeitigen Verbesserung der medizinischen Leistungen. Dieses paradoxe Argument liegt natürlich im Interesse der Bevölkerung, ist aber realistisch gesehen kaum zu verwirklichen. So steigen die Gesamtausgaben im Gesundheitssystem in Deutschland kontinuierlich über die Jahre hinweg an, trotz aller politischen Bemühungen.

Die hier vorgestellten Zahlen sollen helfen die Ausgaben des Gesundheitssystems einmal aus der Perspektive des Heilmittels Ergotherapie wahrzunehmen, da auch die Heilmittel immer wieder Bestandteil kontroverser Diskussionen sind.

Die Heilmittelkosten unter die Lupe genommen

Laut Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) sind die Gesamtausgaben der GKV im Jahre 2011 auf ca. 168,74 Mrd. Euro angestiegen. (GKV SPITZENVERBAND, 2012)

Die Kostenverteilung im Jahr 2011 gliederte sich dabei wie folgt auf:

Abbildung 1 – Gesamtkostenverteilung der GKV im Jahr 2011 in Euro

Gesamtkostenverteilung der GKV im Jahr 2011 in Prozent

Abbildung 2 – Gesamtkostenverteilung der GKV im Jahr 2011 in Prozent

Für den gesamten Bereich der Heil- und Hilfsmittel wurden laut amtlicher Statistik im Jahre 2011 rund 11,17 Mrd. € ausgegeben. (siehe Abbildung 1) Dies beinhaltet sowohl die Ausgaben der von den Krankenkassen finanzierten therapeutischen Heilmittel (vor allem Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, Podologie, etc.) als auch die Kosten für etwaige Hilfsmitte wie Rollstühle, Hörgeräte, Sehhilfen oder ähnliches.

Der Anteil der erbrachten Heilmitteln an diesem Betrag ohne Hilfsmittel belief sich im Jahr 2011 auf 4,88 Mrd. € oder 2,89% des Gesamtbudgets (siehe Abbildung 2). (GKV SPITZENVERBAND, 2012)

Innerhalb dieses Heilmittelbetrages sind nun alle Ausgaben für therapeutische Maßnahmen zusammengefasst. Laut dem Heilmittelbericht der AOK aus dem Jahre 2010 der sich auf Erkenntnissen des Heilmittel – Informations – System (HIS) der GKV beruft, ist die Ergotherapie dabei für ca. 14% der Gesamtausgaben der Heilmittel verantwortlich (Physiotherapie ca. 70%, Logopädie ca. 10%, andere therapeutische Berufe ca. 6%). (HEILMITTELBERICHT AOK, 2010)

Geht man davon aus, dass dieser % – Anteil in etwa gleich geblieben ist von 2010 auf 2011 und überträgt dies auf das Jahr 2011, so kommt man zu einem Gesamtkostenvolumen der ambulanten Ergotherapie von ca. 683 Millionen Euro. (14% von 4,88 Mrd. €) Rechnet man dies weiter auf die Gesamtausgaben im Gesundheitssystem um, so verursacht die Ergotherapie lediglich ca. 0,41 % der Gesamtkosten. (683 Mil. € zu 168,74 Mrd. €). Die Kosten der Ergotherapie nehmen also einen sehr geringen Einfluß auf die Gesamtkostenentwicklung da ihre Gesamtausgaben im Gesundheitssystem in Deutschland unter einem halben Prozentpunkt liegen.

Die nachfolgende Abbildung 3 zeigt dazu die Entwicklung der Heilmittelkosten im Verlauf der letzten 5 Jahre.

Entwicklung der Heilmittelausgaben (Quelle: GKV Spitzenverband)

Abbildung 3 – Entwicklung der Heilmittelausgaben (Quelle: GKV Spitzenverband)

Abbildung 3 zeigt die Zunahme der Heilmittelausgaben innerhalb der letzten 5 Jahre. Vergleicht man dazu den langfristigen prozentualen Trend zu den Heilmittelkosten aus dem Heilmittelbericht der AOK aus dem Jahre 2006, so ist jedoch ersichtlich dass der prozentuale Kostenanteil für Heilmittel im Verlauf der letzten zwei Jahrzehnte relativ stabil geblieben, bzw. nur äußerst gering angestiegen ist, nämlich von 2,3% im Jahre 1994 auf 2,89 Prozent im Jahre 2011. Dies entspricht einer Steigerung von 0,59% in 17 Jahren (gemessen an den Gesamtausgaben)

Zu diesem Aspekt liefert der AOK Heilmittelbericht aus dem Jahre 2006 weitere Zahlen. Die Gesamtkosten im Gesundheitsbereich sind in den letzten 17 Jahren von 111 Mrd. € (1994) auf 168,74 Mrd. € (2011) um nahezu 58 Milliarden Euro angestiegen. Im gleichen Zeitraum haben sich die Ausgaben für Heilmittel von 2,5 Mrd. € (1994) auf 4,89 Mrd. € (2011) um 2,3 Mrd. € erhöht. Dies entspricht einer Steigerung der Gesamtausgaben im Verlaufszeitraum um ca. 53 % und eine Steigerung der Heilmittelausgaben um ca. 94 %.

In den letzten 17 Jahren war also durchaus eine überproportionale Steigerung der Heilmittelausgaben im Verhältnis zu den Gesamtausgaben zu verzeichnen, auch wenn die Ausgaben mit 2,89% am Gesamtbudget der GKV weiterhin einen sehr kleinen Kostenanteil darstellen.

Ursachenforschung für die Heilmittelsteigerung wird ausgeklammert

Auffallend in AOK Statistik ist eine jedoch eine deutliche Zunahme der Heilmittelkosten ab dem Jahre 2001. Gerade zu dieser Zeit wurden erste Studienergebnisse veröffentlicht, die sich mit frühkindlicher Entwicklung und der Gesundheit von Kindern und Jugendlichen beschäftigten. (z.B. PISA, IGLU, KIGGS, KIM)

Eine mögliche Ursachendiskussion für diese Steigerungsraten bzw. ein Zusammenhang mit politischen Entscheidungen, gesamtgesellschaftlichen Vorstellungen und der Zunahme von Heilmittelkosten, gerade auch im Bereich Ergotherapie, wird jedoch oft ausgeklammert oder gar nicht hergestellt.

Gleichzeitig gibt es bei Kostensteigerungen innerhalb des Gesundheitssystems immer wieder Diskussionen um Sparpotenziale bei sogenannten „Kostentreibern“ im Gesundheitsbereich. Die Heilberufe müssen sich in regelmäßigen Abständen rechtfertigen warum sie ebenfalls zu den Kostensteigerungen beitragen.

Gerade die Ergotherapie hat, auch auf Grund diverser gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen und Zusammenhänge unumstritten zuletzt zu erhöhten Heilmittelkosten beigetragen.

Gestiegene Rezeptverordnungen an die Ergotherapie

In diesem Zusammenhang sollte noch ein weiterer wichtiger Aspekt Berücksichtigung finden. Auch die Rezeptverordnungen für alle im Heilmittelkatalog genannten Therapien sind parallel zu den Kosten ebenfalls angestiegen. Alleine in den Jahren von 2005 bis 2009 kam es zu einer Steigerung um ca. 44% von 28,8 Millionen Rezepten im Jahre 2005 auf 36,2 Millionen Rezepte im Jahre 2009. (HEILMITTELBERICHT AOK, 2006 und 2010)

Für einen Heilmittelkostenanteil von ca. 2,4% im Jahr 2009 an den Gesamtausgaben im Gesundheitssystem, wurden also 44% mehr Leistungen (Rezeptverordnungen) erbracht gegenüber dem Jahr 2005. Die Zahl der mehr erbrachten Leistungen aller Heilmittelberufe betrug dabei allein in den vier Jahren von 2005 – 2009, ca. 44% oder 7,4 Millionen Rezepte. Hier kann schlussfolgernd festgehalten werden, dass für einen erhöhten Ausgabenanteil auch erheblich mehr Leistungen erbracht wurden.

Nicht die einzelne Leistungsvergütung ist deshalb stark gestiegen, sondern die Menge der Heilmittelverordnungen und der einzelnen, erbrachten Leistungen.

Im Jahr 2009 wurden laut Heilmittelbericht der AOK von 2010 von den 36,2 Millionen Rezepten, ca. 31,7 Millionen für physiotherapeutische Leistungen verwendet, ca. 1,7 Millionen Rezepte für die Logopädie und ca. 2,1 Millionen Rezepte für die Ergotherapie. (Rest andere therapeutische Heilmittelerbringer)

Interessanterweise entfallen auf die 2,1 Millionen Gesamtrezepte für Ergotherapie dabei noch ca. 43% aller ergotherapeutischen Leistungen auf Kinder unter 15 Jahren, was rund 890000 Rezepten entspricht. (HEILMITTELBERICHT AOK, 2006 und 2010)

Ein Großteil der Kosten die die Ergotherapie verursacht wird also für früh fördernde Aspekte und die Gesundheit bei Kindern unter 15 Jahren eingesetzt. Dies entspricht im übrigen genau dem was unabhängige, wissenschaftliche Experten aus Studien wie PISA, KIGGS oder IGLU fordern, nämlich den Grundsatz so früh wie möglich bei Problemen zu intervenieren und zu fördern.

Halten wir diese Zahlen einmal zusammenfassend fest. In Deutschland werden ca. 0,41% der Gesamtausgaben im Gesundheitssystem für ergotherapeutische Maßnahmen ausgegeben. Diese 0,41% entsprechen pro Jahr ca. 683 Millionen Euro und dienen der Bezahlung von ca. 2,1 Millionen Rezepten. Von diesen 2,1 Millionen Rezepten profitieren Menschen jeden Alters in Ihrer Selbstständigkeit und mit unterschiedlichsten Diagnosen (z.B. auch Patienten mit Schlaganfällen und Demenzen). Rund 43% der Ergotherapierezepte, umgerechnet ca. 890000 Verschreibungen, dienen dabei der Behandlung von Kindern untern 15 Jahren. Dies entspricht einem Gesamtvolumen von ca. 294 Millionen € die für pädiatrische, ergotherapeutische Leistungen ausgegeben werden. Dabei sind die prozentualen Ausgaben für die Heilmittel die letzten Jahre angestiegen, etwas mehr als die restlichen Ausgaben. Eine Ursachendiskussion über diesen Anstieg findet jedoch nur unzureichend statt.

Wahre Kostentreiber im Gesundheitssystem

Um einen tatsächlichen Vergleich über entstehende Kosten im Gesundheitssystem zu haben, lohnt es daher auch den Blick auch auf andere therapeutische Maßnahmen und Ihre Kosten zu legen.

Während die Ergotherapie für die jährliche Behandlung von Kindern bis 15 Jahren derzeit rund 294 Mil. € ausgibt, kommt es gerade innerhalb der medikamentösen Behandlung, immer wieder zu schier unscheinbaren Kostensteigerungen.

Gerade die weltweit stark in der Kritik stehenden Medikamente mit dem Inhaltsstoff Methylphenidat (in Deutschland ist vor allem das Medikament Ritalin bekannt) verursachen mittlerweile in Deutschland eine Kostenexplosion hohen Ausmaßes. Laut einem Bericht des FOCUS und der TECHNIKER KRANKENKASSE aus dem Jahr 2011, welche sich auf Daten des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) berufen, wuchs der Verbrauch des Wirkstoffes Methylphenidat von 34 Kilogramm im Jahr 1993 auf 1,735 Tonnen im Jahr 2009. Dies entspricht einer Vervierzigfachung des Verbrauchs und der Kosten innerhalb von 16 Jahren. Geht man derzeit von einem Preis von 50 Cent pro Tablette aus, so entstanden im Jahre 2009 allein ca. 90 Millionen Euro Kosten für die Behandlung mit Methylphenidat. (APFEL, 2012, TK, 2012)

Allein die Behandlung mit einem Medikament kostete also rund 1/3 des Anteils der Behandlung ergotherapeutischer, pädiatrischer Leistungen in denen ein „menschlicher Therapeut“ versucht die Gesamtproblematik anzugehen. (90 Mil.€ im Vergleich zu 294 Mil.€)

Lesen Sie dazu auch den zweiten Artikel der sich mit einer möglichen Ursachenforschung zu den Steigerungen im Bereich Ergotherapie und Heilmittel äußert.

Literatur

Weiterführende Informationen



Autor
Norbert Lichtenauer
Norbert Lichtenauer
Ergotherapeut seit 2006, Bachelor - Studium 2008, Fortbildungen im neuropsychologischen Bereich, 2011 Abschluss der Weiterbildung zum Fachtherapeuten für kognitives Training, Veröffentlichungen in Fachzeitschriften 2010 - 2012, Vorträge auf dem Ergotherapeuten Kongress 2010 und 2011

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