Gesamtgesellschaftliche Veränderungen und mögliche Zusammenhänge zur Steigerung der Ergotherapiekosten

Die Frage nach den Gründen, warum gerade Kinder und Jugendliche in der heutigen Zeit so viel ergotherapeutische Unterstützung bekommen, wirft viele weitergehende Fragen auf, die selten diskutiert werden und deshalb zu einem erweiterten gesamtgesellschaftlichen Blick führen sollten.

Mögliche Gründe für mehr Ergotherapie bei Kindern und Jugendlichen

Auch wenn nicht auf alle Faktoren im Detail eingegangen werden kann (das würde ein ganzes Buch füllen), so sollen einige wesentliche Aspekte aufgeführt werden, die im Zusammenhang mit der Steigerung von pädiatrischer Ergotherapie stehen könnten. Denn plakativ beschrieben, bekommen immer weniger Kinder aufgrund des Geburtenrückgangs, immer mehr Therapie. Warum ist das so? Der nachfolgende Artikel möchte einige mögliche Gründe dafür nennen.

1. Die Zunahme von Untersuchungen und Tests

Zunahme von Untersuchungen und TestsEin sehr wesentlicher Aspekt warum gerade Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren so viel Unterstützung durch Ergotherapie benötigen, liegt sicherlich an der verbreiteten Anwendung von Testverfahren.

So wurden beispielsweise auch die Vorsorgeuntersuchungen der Kinder- und Jugendärzte die letzten Jahre konsequent ausgebaut und immer mehr sog. U-Untersuchungen eingeführt. Beispielsweise wurde für 3-jährige seit dem 1.7.2008 die U7a im Zeitraum vom 34. bis 36. Lebensmonat vom Bundesgesundheitsministerium eingeführt. Durch mittlerweile insgesamt 10 U- Untersuchungen bis zum 6. Lebensjahr werden natürlich auch mehr Auffälligkeiten, also Abweichungen von der definierten Norm, entdeckt. Ganz nach dem Motto, „wer suchet, der findet.“ Der heutige Blick auf Fähigkeiten des Kindes zum Altersdurchschnitt, ist dabei viel detaillierter geworden als früher.

2. Das öffentliche Interesse an frühkindlicher Entwicklung stieg

Entwicklungsansprüche an KinderDarüber hinaus ist ein wichtiges Argument, das ein über die Jahre hinweg zunehmendes Interesse von nationaler und internationaler Forschung zu den Themen Entwicklung, Förderung und Gesundheit von Kindern und Jugendlichen besteht. Aufgeschreckt durch alarmierende Ergebnisse in Studien zur Kindergesundheit (vgl. KIGGS) oder im Vergleich zum internationalen und nationalen Bildungsstand (vgl. PISA, IGLU) wurden verstärkt früh fördernde Maßnahmen von Wissenschaft und schließlich auch von der Politik und den Elternverbänden gefordert.

Ein wesentliches Ergebnis dieser Studien war, dass gerade Kinder die aus sozialschwächeren Familien kommen, oftmals ein deutlich höheres Risiko hatten bestimmten gesundheitsgefährdenden Aspekten und Entwicklungsrisiken ausgesetzt zu werden. Nirgendwo in Europa ist die Herkunftsfamilie demnach so wichtig für die schulische Laufbahn eines Kindes wie in Deutschland.

Durch Untersuchungen wurde gezeigt, dass Kinder aus Familien mit geringem sozioökonomischem Status statistisch signifikant einen geringeren Schulabschluss erreichen, als Kinder aus sozial besser gestellten Familien. Kinder aus den unteren sozialen Schichten hatten dabei statistisch gesehen, mehr Schwierigkeiten im sozialen Umfeld, waren gefährdeter in ihrer Gesundheitsentwicklung, ebenso wie in ihrer gesamten schulischen Entwicklung. (PISA,KIGGS,IGLU)

Ärzte, Lehrer und Eltern wurden durch die mediale Berichterstattung zunehmend sensibilisiert und so werden heutzutage immer mehr Kinder aus Verdacht auf irgendwelche Beeinträchtigungen zu einem Experten geschickt, der sie umfangreich testet und diagnostiziert.

Zudem zeigte sich in den Ergebnissen der Studien und der anschließenden gesamtgesellschaftlichen Diskussion, dass sich die Leistungs- und Förderungsansprüche der Gesellschaft an die Kinder, in den letzten Jahrzenten deutlich erhöht hatten, z.B. durch die Einführung des Abiturs in 8 Jahren (G8).

3. Die veränderte Familie

Die veränderte FamilieDie Ergebnisse aus PISA, KIGGS und IGLU lieferten darüber hinaus interessante Einblicke in die veränderten familiären Strukturen des heutigen Deutschlands. Die nachfolgenden Zahlen stammen zudem aus dem Jahrbuch des Bundesamtes für Statistik von 2007, sowie dem Mikrozensus von 2009 und dem dritten Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung von 2008. Diese Zahlen spiegeln einen langfristigen Trend, der den andauernden, multifaktoriellen, gesamtgesellschaftlichen, familiären Wandel verdeutlicht.

Angefangen bei den Eheschließungen, der grundlegenden vorherrschenden und steuerlich geförderten Familienstruktur in Deutschland wird klar, dass die Zahl der Eheschließungen seit über 50 Jahren konstant sinkt und gleichzeitig der Anteil von Kindern in Alleinerziehenden Familien parallel dazu stetig steigt.

Die Anzahl der Eheschließungen hat sich im Vergleich von 1950 bis 2006 mehr als halbiert. Es fand ein über die Jahrzehnte hinweg konstanter Rückgang, von ca. 750000 geschlossenen Ehen (1950) auf ca. 374000 Ehen (2006) statt. Parallel dazu ist die Scheidungsrate rasant gestiegen, so dass heutzutage nahezu jede zweite Ehe im Verlauf Ihres Bestehens wieder geschieden wird. Dabei waren im Zeitraum von 1990 – 2006 bei Scheidungen in 51,2% der Fälle auch minderjährige Kinder betroffen. (BUNDESAMT FÜR STATISTIK, STATISTISCHES JAHRBUCH, 2007).

Diese Entwicklung führte zu einer deutlichen Zunahme von alleinerziehenden Müttern und Vätern mit minderjährigen Kindern. Gerade diese Form der Familie ist aber laut vielfachen Studien und Berichten der Bundesregierung einem erhöhten Armutsrisiko ausgesetzt.

Die alleinerziehende Familie

Im MIKROZENSUS aus dem Jahre 2009 des Bundesamtes für Statistik wird eine detaillierte Auskunft über die Lage alleinerziehender Familien gegeben. Demnach ist mittlerweile jede fünfte Familie in Deutschland alleinerziehend mit nach wie vor steigender Tendenz. Durchschnittlich gehen sechs von zehn Alleinerziehenden Väter und Mütter einem Beruf nach, oftmals auch Vollzeit, wobei Männer eher Vollzeit arbeiten als Frauen. Alleinerziehende Väter betreuen oftmals nur ein Kind während alleinerziehende Mütter oftmals mehrere Kinder betreuen. Trotz der Tatsache, dass sechs von zehn Alleinerziehenden arbeiten, sind rund 41 % der alleinerziehenden Familien auf staatliche Unterstützung und Grundsicherung (z.B. ALG II bzw. Hartz IV) angewiesen, im Gegensatz zu nur 8,9% bei verheirateten Paaren. Die Statistik zeigt zudem, dass insbesondere Mütter mit mehreren jüngeren Kindern ein deutlich niedrigeres Einkommen besitzen und weniger oft Vollzeit arbeiten können als alleinerziehende Väter, die oftmals nur ein Kind betreuen. Das Risiko für alleinerziehende Erwachsene in eine Armutsfalle zu rutschen ist damit im Gegensatz zu verheirateten Paaren deutlich erhöht. (BUNDESAMT FÜR STATISTIK, MIKROZENSUS 2009)

Auch bei erzieherischen Beihilfen sind alleinerziehende Väter und Mütter deutlich überrepräsentiert. Von den 343000 Erziehungsbeihilfen die das Jugendamt zum Stichtag 31.12.2008 gelistet hatte, waren knapp 46% der Unterstützungsleistungen für alleinerziehende Familien bestimmt. Damit nahm jede 10. allein erziehende Familie eine erzieherische Hilfe in Anspruch. (im Vergleich zu jeder 50. Familie bei zusammen lebenden Paaren) (BUNDESAMT FÜR STATISTIK, MIKROZENSUS 2009)

Allein die Betrachtung des veränderten Familiensystems in Deutschland zeigt, dass sich hier ein tiefer, gesellschaftlicher Wandel abspielt. Scheidungskinder aus alleinerziehenden Familien haben in der Regel weniger Geld zur Verfügung als Kinder aus verheirateten Elternpaaren. Dabei haben verschiedene Studien wie PISA, IGLU oder auch KIGGS gezeigt, dass gerade auch der sozioökonomische Status einer Familie entscheidend für die schulische und gesundheitliche Entwicklung ist. Oftmals kann mit finanziellen Mitteln die Teilnahme an spezifischen Bildungseinrichtungen oder sinnvollen Freizeitbeschäftigungen bestimmt werden. (KIGGS 2006, PISA 2000-2009, IGLU 2001-2006)

Der dritte Armbuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung aus dem Jahr 2008 stellt dazu ebenfalls fest, dass „Armut und soziale Ausgrenzung als Folge mangelnder Ressourcen und Bewältigungsmöglichkeiten für die Familien sowie für Kinder und Jugendliche, als auch für deren soziale Netzwerke eine hohe Belastung darstellen.“ Weiter heißt es, dass sich gerade bei Armut von Kindern und Jugendlichen zusätzliche Entwicklungsdefizite zeigen, und es eine Unterversorgung mit der Folge gesundheitlicher Probleme und sozialer Benachteiligung gibt. (BUNDESMINISTERIUM FÜR ARBEIT UND SOZIALES, 2008)

Ebenso besteht laut Armuts- und Reichtumsbericht ein Zusammenhang zwischen gesundheitlicher Entwicklung und materieller Versorgung. Beispielsweise gibt es einen Zusammenhang mit dem Ernährungsverhalten der Kinder und Jugendlichen, desto knapper die sozioökonomischen Ressourcen einer Familie sind. Darüber hinaus werden Zusammenhänge gesehen zwischen dem finanziellen Status einer Familie, der emotionalen Stabilität von Kindern und Jugendlichen, dem Auftreten von etwaigen Verhaltensauffälligkeiten, aber auch mit der kognitiven und sprachlichen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, welche letzten Endes auch den schulischen Erfolg mitbestimmen.

Kinder haben ein erhöhtes Armutsrisiko

Kinder und Jugendliche sind dabei grundsätzlich einem höheren Armutsrisiko ausgesetzt als der Rest der Bevölkerung. Die Statistik aus dem Sozialgesetzbuch II (SGB II) für Januar 2008 wies nach vorläufigen Angaben dabei rund 1,8 Mio. Kinder unter 15 Jahren aus, die in 1,1 Mio. von insgesamt 3,5 Mio. Bedarfsgemeinschaften, also Familien die staatliche Hilfen in Anspruch nehmen, leben. Dabei sind über die Hälfte der 3,5 Mio. auf Hilfe angewiesen Familiengemeinschaften, Alleinerziehende Erwachsene mit Kindern. (BUNDESMINISTERIUM FÜR ARBEIT UND SOZIALES, 2008)

Auch der HEILMITTELBERICHT der Krankenkassen merkt dazu an, dass die sozialen Rahmenbedingungen mitentscheidend sind für eine spätere therapeutische Begleitung. Je niedriger der sozioökonomische Rahmen einer Familie, desto höher die Wahrscheinlichkeit einer späteren therapeutisch/medizinischen Intervention. (HEILMITTELBERICHT AOK, 2010)

4. Intervention so früh wie möglich

Ein letzter Punkt der noch genannt werden soll in Bezug zur Steigerung der Heilmittelausgaben bei Kindern und Jugendlichen ist der Grundsatz der möglichst frühen Intervention bei auffallenden Defiziten.

Studien wie PISA oder IGLU haben dafür gesorgt, dass der präventive Charakter von Schul- und Lernstörungen eine gewichtigere Rolle im Fokus aller Beteiligten spielt. Störungen sollen nun so früh wie möglich erkannt werden und gezielt mit pädagogischen und therapeutischen Maßnahmen beseitigt werden. Durch z.B. IGLU und KIGGS wurden Defizite im Bereich der Kulturtechniken und der Motorik ersichtlich, so dass Familien und Bildungsinstitutionen, sowie Ärzte, zunehmend sensibilisiert werden auf eine regelgerechte Entwicklung zu achten, was letzten Endes wieder zur vermehrten Anwendung von Tests in der ärztlichen und therapeutischen Praxis führt.

Diese Entwicklung entspricht dabei durchaus den professionsunabhängigen, wissenschaftlichen Forschungen und Bemühungen, präventiv oder bei Anzeichen von Problemen, so frühzeitig wie möglich mit geeigneten Interventionen zu beginnen, um damit auch viel höhere Folgekosten zu minimieren. Als Folge dieser Entwicklung steigen die Kosten für frühkindliche Förderung, auch im Gesundheitssystem, an.

Ein kohärentes Bild der Wissenschaft und Politik

In vielen Statistiken der Bundesregierung, sowie in den Berichten der Krankenkassen und aus diversen wissenschaftlichen Studienergebnissen, zeichnet sich also ein kohärentes, übereinstimmendes Bild der Zusammenhänge von Armut, Entwicklung, Gesundheit und Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen.

Die Erkenntnisse aus den großen wissenschaftlichen Untersuchungen zur Gesundheit und Entwicklung und zu den Bildungschancen der Kinder und Jugendlichen, zusammen mit den erhöhten Förder- und Leistungsansprüchen der Gesellschaft an die heranwachsende Generation, sowie die deutlich veränderte Familienstruktur hin zu mehr alleinerziehenden Familiensystemen, führt zu einer grundlegenden gesellschaftlichen Veränderung. Jugendämter, Sozialarbeiter, Beratungsstellen und Einrichtungen des Gesundheitssystems haben dadurch ihre Sensibilität für Hilfsangebote erhöht, wodurch die Zahl der Inanspruchnahme von staatlichen, pädagogischen und medizinischen Dienstleistungen durch die Gesellschaft stetig steigt.

Faktoren werden oftmals ausgeblendet

Dies gilt es jedoch auch in einem Zusammenhang zu bringen, wenn über die Zunahme von Kosten im Bildungs- und Gesundheitssystem und damit auch im Heilmittelbericht, also auch bei pädiatrischen Ergotherapiemaßnahmen, gesprochen wird. Viele Kinder mit Entwicklungsauffälligkeiten aus schwächeren sozialen Schichten haben kognitive, motorische oder Entwicklungsrückstände, die wiederum Lernprobleme und Verhaltensauffälligkeiten verursachen können.

Unter anderen Berufsgruppen leisten hier Ergotherapeuten als Heilmittelerbringen eine wichtige Unterstützungsarbeit von Kindern, Jugendlichen und Ihren Familien. Zudem leisten Sie Aufklärungsarbeit in Gesellschaft, Kindergärten, Schulen und Fördereinrichtungen.

Es sei hier ausdrücklich erwähnt, dass dieser Artikel lediglich Interpretationen der verschiedenen Stellen (Regierung, Krankenkassen, Studien) von statistischen Kennzahlen nennt. Eine generalisierte Einordnung der Lebensverhältnisse von verschiedenen Familiensystemen (alleinerziehende Familien, Patch-work Familie, etc.) stimmt der Autor ausdrücklich nicht zu. Auch gibt der Autor hier lediglich Zahlen und Meinungen wieder, ohne diese einer persönlichen Wertung zu unterziehen.

Literatur

Weiterführende Informationen



Autor
Norbert Lichtenauer
Norbert Lichtenauer
Ergotherapeut seit 2006, Bachelor - Studium 2008, Fortbildungen im neuropsychologischen Bereich, 2011 Abschluss der Weiterbildung zum Fachtherapeuten für kognitives Training, Veröffentlichungen in Fachzeitschriften 2010 - 2012, Vorträge auf dem Ergotherapeuten Kongress 2010 und 2011

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