Gewaltfrei kommunizieren – nach dem Modell von Marshall B. Rosenberg

Wenn wir uns durch die Worte des Gegenüber angegriffen fühlen, neigen wir oft dazu zurück zuschlagen. Meist ist das Resultat dann ein entstehendes Wortgefecht, welches uns weder unserem Ziel näher bringt, noch die Beziehung unter den Gesprächspartnern verbessert, denn inzwischen sind wir eher zu Gesprächsgegnern gewordenen. Um diesem, leider häufig auftretendem Effekt entgegen zu wirken, ging Marshall B. Rosenberg den Fragen nach: “Was geschieht eigentlich genau, wenn wir die Verbindung zu unserer einfühlsamen Natur verlieren und uns schließlich verbal gewalttätig verhalten? Und umgekehrt, was macht es manchen Menschen möglich, selbst unter den schwierigsten Bedingungen mit ihrem einfühlsamen Wesen in Kontakt zu bleiben?”. Inspiriert u.a. durch die Ideen von Carl Rogers und Mahatma Gandhi – entwickelte er ein Modell zur gewaltfreien Kommunikation, die „Gewaltfreie Kommunikation (GFK)“.

Dabei verzichtet man auf Angriffe und konzentriert sich auf die Gefühle und Bedürfnisse, die den oft unbedachten Äußerungen des Gegenübers zu Grunde liegen.

Es kommt häufig vor, dass Menschen in ihrer Kommunikation die Aufmerksamkeit darauf richten, was andere falsch machen bzw. was “verkehrt” an ihnen ist. Der Ausgangspunkt all dieser Verhaltensweisen ist häufig eine negative Bewertung der anderen Person bzw. ihres Verhaltens. Menschen sehen den Grund für ihre eigenen, aufkommenden Gefühle daher oft in den Handlungen der Anderen. Daraus entsteht im negativen Fall dann negative Gefühle wie Ärger, Frustration, Ohnmacht oder Hilflosigkeit. Reflexartig  werden diese dann mit Vorwürfen, Kritik, Drohungen u.ä. versucht abzuwehren. Die üblichen Reaktionen der Gesprächspartner/innen sind dann wiederum Rechtfertigung, Gegenangriff, Beleidigt sein oder Rückzug. Eine Spirale, die egal ob in Beziehungen, im Beruf oder in der Politik, mit Streit und Krieg endet.

Diese aggressive Form der Kommunikation und Sprache bezeichnet  Marshall Rosenberg, Vertreter der gewaltfreien Kommunikation, als Wolfssprache, die dazu führt, dass sich der andere schlecht fühlt, sich wehrt oder ausweicht. Laut Rosenberg verursacht diese Kommunikation gegenseitige Aggression und ist gekennzeichnet durch

  • Analyse: „Wenn du das beachtet hättest …“
  • Kritik: „So ist das falsch, das macht man so …“
  • Interpretationen: „Du machst das, weil. …“
  • Wertungen: „Du bist klug, faul, du liegst richtig, falsch …“
  • Strafandrohungen: „Wenn du nicht sofort, dann …“
  • Sich im Recht fühlen

In der gewaltfreien Kommunikation richtet man die Aufmerksamkeit darauf, was einem wichtig ist und vermeidet in der Kommunikation alles, was beim Gegenüber als Bewertung, Beschuldigung, Kritik oder Angriff ankommen könnte. Sehr viel Wert wird hierbei auch auf die genaue Unterscheidung zwischen Wahrnehmung und Interpretation  gelegt. Also : „Was können wir in einem Gespräch, in einem Konfliktverlauf oder einfach in einer Begegnung zwischen Menschen genau beobachten – und welche Schlüsse, welche Bewertungen folgen daraus? Meistens vermischen wir Beobachtung und Bewertung sehr flott – und leisten damit einer Gewalt-Sprache unbewusst Vorschub.

In der gewaltfreien Kommunikation wird versucht die Anliegen aller am Konflikt Beteiligten aufzuspüren und zu berücksichtigen, um somit eine positive Bearbeitung von Konflikten zu ermöglichen. Rosenberg bezeichnet die gewaltfreie Kommunikation auch “language of the heart“ oder “Giraffensprache“, denn die Giraffe als Symboltier ist das Landtier mit dem größten Herzen. Wer gelernt hat, eher “giraffisch“ zu kommunizieren, erlebt im Konfliktverlauf viele positive Veränderungen, z.B. ein verbessertes Verständnis auf beiden Seiten, Transparenz von Absichten und Motiven, so dass eine Abwehrreaktion oder gar Aggression unnötig wird. In der gewaltfreien Kommunikation wird ausgedrückt, was einen bewegt und was man möchte (Selbstbehauptung) und empathisches Zuhören, wie es der anderen Person geht und was sie möchte (Einfühlung). Diese beiden Prozesse bilden das wesentliche Merkmal der gewaltfreien Kommunikation. Dabei geht es weder darum die eigenen Bedürfnisse hinten an zu stellten, noch die Bedürfnisse anderer Menschen zu unterdrücken: Marshall Rosenberg: “Das Ziel dieses Prozesses ist der Ort, an dem alle Bedürfnisse erfüllt sind.”

In jedem Gespräch sollten vier Komponenten (Beobachtungen, Gefühle, Bedürfnisse, Bitten) klar ausgesprochen und verstanden werden, wobei es wichtig ist, Beobachtungen nicht mit Bewertungen zu vermischen, in Kontakt zu den Gefühlen zu kommen, Bedürfnisse zu erkennen und Bitten mit treffenden Worten zu äußern.

Die 4 Schritte der gewaltfreien Kommunikation

Anklagen, Kritik, Vorwürfe, Schuldzuweisungen und der Großteil der aggressiven Sprache sind nach den Grundideen der gewaltfreien Kommunikation so etwas wie “verkappte Wünsche”, weil wir nicht gelernt haben, richtig zu bitten, unsere Wünsche konstruktiv – und vor allem in einer annehmbaren Form zu äußern, greifen wir zur aggressiven Sprache. Jede Aggression ist Ausdruck der eigenen Schwäche – weil wir unbewusst meinen, nur durch Macht, Stärke und Drohung zur Erfüllung unserer Bedürfnisse zu kommen. Doch genau das ist der Trugschluss: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Wunsch erfüllt wird steigt, wenn er ohne Anklage, Schuldzuweisung, Kritik (oder anderer Stachelwörter) präsentiert wird. In der gewaltfreien Kommunikation richtet sich die Aufmerksamkeit auf folgende Bestandteile bzw. Schritte:

  1. Beobachten statt Bewerten oder Interpretieren.
  2. Gefühle wahrnehmen und benennen.
  3. Bedürfnisse wahr- und ernstnehmen.
  4. Auf der Grundlage der Bedürfnisse klare und erfüllbare Bitten äußern.

Die vier Schritte können als Selbstmitteilung kommuniziert werden oder als Einfühlung. Mit der Selbstmitteilung zeigen wir uns mit unseren Gefühlen und Bedürfnissen und drücken eine damit verbundene Bitte aus. Mit der Einfühlung versuchen wir das Bedürfnis des Gesprächspartners zu erkunden und uns mit ihm zu verbinden. Alles zusammen bildet den Prozess der gewaltfreien Kommunikation. In Konflikten entfaltet gewaltfreie Kommunikation ihre verbindende und transformierende Kraft im Wechselspiel von Selbstmitteilung und Einfühlung.

Beispiel für eine Selbstmitteilung:

1. Beobachtung: “Du stehst auf und schaust aus dem Fenster, wenn ich mit dir über das Thema “Arbeit” sprechen will.”
2. Gefühl: “Ich fühle mich besorgt und auch etwas ratlos, …”
3. Bedürfnis “… weil ich wissen möchte, wie es dir bei deiner Arbeit geht und auf welche Weise ich dich unterstützen kann.”
4. Bitte: “Bitte sage mir, was du brauchst, um mit mir darüber reden zu können.”

Beispiel für einfühlsames Zuhören

1. Beobachtung: “Du stehst auf und schaust aus dem Fenster, wenn ich mit dir über das Thema „Arbeit“sprechen will.”
2. Gefühl: “Kann es sein, dass du ziemlich genervt bist?”
3. Bedürfnis: “… und du im Moment einfach nur Ruhe und Entspannung brauchst?”
4. Bitte: “Möchtest du, dass wir zu einem anderen Zeitpunkt darüber reden?”

Klingt eigentlich fantastisch einfach und logisch, doch wie bei jedem Modell muss es auch hier irgendwo einen Haken geben.

G. Scheibel benennt Ihn in seinem Buch “Bitte” ist ein schweres Wort – Das Konzept der gewaltfreien Kommunikation“. Rosenberg wendet sein Modell eben nicht nur für die eigene Situation, sondern auch für die Situation des Anderen an: Was sind dessen Gefühle, Bedürfnisse und verborgene Bitten? Er sieht in Kritik, Schuldzuweisungen und “Gewaltsprache” immer ein Eingeständnis der Schwäche des Anderen. Sie sind Ausdruck seiner nicht gestillten Bedürfnisse – nach Zuwendung, nach Beachtung, nach Ressourcen aller Art. Und diesem möchte er mit “Empathie” begegnen, mit respektvollem, vorurteilsfreiem Bemühen, um ein Verständnis des Anderen. Dazu gehört aber eine sehr hohe Portion Selbstannahme und keinerlei Zweifel am eigenen Selbstwert. Das ist nach G. Scheibel auch der Knackpunkt: „Wie gehe ich mit meinen eigenen Gefühlen der Betroffenheit, der Wut, des ungerecht-behandelt-seins um? Kann ich mich innerlich soweit zurückziehen, meine eigenen Gefühle soweit heraus halten, dass ich nicht in den Automatismus von Verteidigung oder Gegenaggression verfalle? Rosenberg empfiehlt an der Stelle: Präsent sein, Atmen, innere Distanz einnehmen. Woraufhin G. Scheibel fragt: „Netter Tipp!  Aber wie soll man den in einer harten Realsituation umsetzen?“ In einer für einen selbst, emotional sehr belasteten Situation ist das sicherlich schwerer als wenn man als Mediator etc. arbeitet.

Ich denke es ist in jedem Fall ein gutes Modell um die eigenen Kommunikationsmuster zu überprüfen und mit ein wenig Übung in der ein oder anderen Alltags- und Konfliktsituation ein harmonisches Kommunikationsergebnis zu erlangen.

Mit freundlichen Grüßen I Hannes Pietzner I Dr. Frank & Partner Berlin

 

Freitag, Januar 20, 2012
Autor
Dr. Thomas A. Frank

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