Veränderungen der Gehirntätigkeit während der Pubertät

Manchmal fragt man sich, warum handeln jugendliche Mitmenschen, die sich in der Pubertät befinden, so wie sie handeln. Scheinbar unüberlegt und risikofreudig treffen sie Entscheidungen, die man als Erwachsener nicht nachvollziehen kann und wo man sich häufig fragt: „Warum hat er denn das jetzt gemacht? Mit seinen 16 Jahren hätte er doch wissen müssen, dass das nicht ohne Folgen bleibt.“

Hätte er es denn überhaupt wissen können?

Neuen neurobiologischen Forschungs- erkenntnissen zufolge, verlieren Jugendliche vorübergehend viel von ihrer Fähigkeit, die Gefühle anderer Menschen und soziale Szenarien einzuschätzen. Daraus resultiere Unsicherheit und Verwirrung in emotionalen Situationen, sodass Teenager des Öfteren gereizt und launisch reagierten. Erst mit etwa 18 Jahren erreiche das soziale Gespür wieder sein ursprüngliches Niveau. Nach einer Studie von Robert McGivern (San Diego State University, Kalifornien) findet ab dem 11. Lebensjahr ein Umbau  von Nervenverbindungen statt. Zunächst hat man herausgefunden, dass der Botenstoff Neurokinin B für eine kaskadenartige Ausschüttung von Hormonen im Gehirn sorgt, die dann die Entwicklung zur Geschlechtsreife auslösen. Auch wird der Corpus Callosum, welcher die linke und rechte Hirnhälfte verbindet, verstärkt. Ebenso schüttet die Zirbeldrüse das Hormon Melatonin in diesem Alter auch später am Tag aus, was erklären könnte, dass Jugendliche zum langen Aufbleiben neigen.

In der Studie von Robert McGivern (San Diego State University, Kalifornien) wurden 300 Zehn- bis 22-Jährigen Porträts von Menschen gezeigt, deren Gesichtsausdruck beurteilt werden sollte. In der Auswertung war erkennbar das Kinder- und Jugendliche in der Pubertät viel länger für ihre Einschätzung brauchten und häufiger Fehler machten. Der Umbau des Stirnhirns, in dem unter anderem moralische Erwägungen und impulsives Verhalten kontrolliert werden, ist vermutlich eine mögliche Ursache typischen Teenager-Verhaltens. Jugendliche verarbeiten Reize aus der Außenwelt vermutlich ganz anders als Erwachsene und vor allem bei emotionalen Informationen reagieren Jugendliche eher aus dem Bauch heraus. Möglicherweise interpretieren Jugendliche die sorgenvolle Miene des Vaters als wütend und reagieren automatisch mit Aggression.

Nicht nur Fehlurteile und Risikobereitschaft sind für junge Menschen typisch, sondern Pubertierende reagieren auch stärker auf Belohnungen als Kinder oder Erwachsene. Nach neueren Untersuchungen sind es hier ebenfalls vor allem entwicklungsbedingte biologische – insbesondere die Gehirnstrukturen betreffende – Unterschiede, die Einfluss auf das unüberlegte Verhalten junger Menschen haben. Die entwicklungsbedingte Überaktivität des mesolimbischen Dopaminsystems im Gehirn, welches auch für Suchtverhalten entscheidend ist, wird ebenso als eine Ursache angesehen. Das Bewertungssystem von Jugendliche in sozialen Situationen ist quasi völlig anders, vor allem, wenn es um Entscheidungen geht. Die Amygdala macht aus rationalen Überlegungen immer wieder emotionale Gefühlsausbrüche, denen man als Erwachsener dann meist eher unvermittelt gegenüber steht.

Ein weiterer, interessanter Umstand ist, dass sich die Reifung des Gehirns nicht gleichmäßig, sondern eher von hinten nach vorne vollzieht. Das heißt der Prozess beginnt im Kleinhirn und endet schließlich im Stirnlappen, welcher vor allem für die Planung von Handlungen, die Kommunikation und die Impulsregulierung zuständig ist. Somit kommt es während  der Zeit der Pubertät, also im letzten Abschnitt der Ausreifung des Gehirns, zu einer zeitweisen Beeinträchtigung dieser spezifischen Funktionen.

Mit freundlichen Grüßen I Hannes Pietzner I Dr. Frank & Partner Berlin

 

Freitag, Januar 13, 2012
Autor
Dr. Thomas A. Frank

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